Zywa Die Windungen des Wegs

Drei Frauen zwischen den Grabtomben eines Friedhofs (auf der Südseite des Ölbergs in Jerusalem)

Die jüngste Frau (Hanna) trägt Orange, die Farbe der Liebe; sie reinigt eine Grabtombe mit einem Tuch und einem Eimer Wasser

Die Frau mittleren Alters (Miriam, der Turm) trägt Blau, die Farbe des Glaubens; sie liegt auf einem der Wege aus flachen Steinen

Die älteste Frau (Miriam, die Mutter) trägt Grün, die Farbe der Hoffnung; sie blickt über den Teil des Friedhofs, der sich im Theatersaal befindet


MIRIAM, die Mutter [1-117]
Hallo, ich bin Miriam -
Maria, sagen die Griechen
Ich habe den Kronprinzen geheiratet

Wir haben allen geholfen
die Hilfe brauchten
denn darum geht es doch

Wenn man König ist -
gekrönt oder inoffiziell -
lebt man für das Wohl aller

[10]  Das ist Der Weg
Alle Wege Gottes
führen zu unseren Nächsten

Es war nicht leicht
denn der wichtigste Teil
des Landes

war von den Römern besetzt
und wir in den Randgebieten
wurden überwacht

Für sie waren wir Feinde
[20]  Rebellen, Mörder
Sie verstanden nichts

von unserem Glauben
ernannten einfach Hohepriester
die gar keine Priester waren

Der wahre Hohepriester
war ein Verbannter
der entlang der Grenze zog

und mit jungen Leuten
über die Revolution sprach -
[30]  die Rückeroberung des Landes

Bis die Kavallerie kam
und ihn verhaftete
Sie nahmen ihn mit, weit weg

zur Festung, wo der Geburtstag
des Königs gefeiert wurde
und Prinzessin Salome tanzte

Die Männer starrten
auf ihren nackten Bauch
und der König forderte sie auf

[40]  sich etwas zu wünschen
Das Mädchen befragte
ihre Mutter, die Königin

und verlangte dann den Kopf
des Heiligen
Zu ihrem Entsetzen

erhielt sie ihn, mal kurz, aus Respekt
nein, aus Spott wurde der Kopf
den Verwandten gegeben

was sie in ihrem Aufstand bestärkte
[50]  Natürlich gab es einen Nachfolger:
Simeon, den Sohn des Jona

Unser ältester Sohn salbte ihn
zum neuen Hohepriester -
im Exil, so wie auch wir

leben mussten, dort in Galiläa

MIRIAM, der Turm [] [MT] [MM][1-220]
Hallo, ich bin Miriam -
die Miriam mit dem Titel 'Der Turm'
Prämisse

Inhaltsangabe

Zusammenfassung

Jahreszahlen

Gedicht V0112
Amsterdam, 2026-10-31
Band: Die Windungen des Wegs
 

Zywa Die Windungen der Macht

Spiel
1.500 Wörter, 100 Minuten Spieldauer

Links: eine Gasse führt von der unsichtbaren Straße zur Vorderseite der Bühne und dann nach rechts, entlang eines einfachen Hinterzimmer mit Tisch und Stühlen, und eine Truhe mit einem Tuch darüber, auf der Brote liegen
Rechts: entlang der Gasse liegt auch der Innenhof des Hauses, mit einem großen Baum und einem Stapel Schilfbündel

Eva (70 Jahre alt) trägt Rot, die Farbe der Leidenschaft; sie flickt ein Kleid

Rana (60 Jahre alt) trägt Purpur, die königliche Farbe; sie sitzt an einem Tisch und schreibt

Zina (40 Jahre alt) trägt Grün, die Farbe des Wachstums; sie kommt mit zwei Körben aus einem anderen Zimmer, legt die Brote hinein, und spricht zum Publikum im Theatersaal

Zeile 0001-0966  Erster Akt  Der Hausmeier
Zeile 0977-1300  Zweiter Akt  Der Leutnant
Zeile 1-1  Dritter Akt  Ehrenhaftes Leben

Erster Akt: Der Hausmeier
ZINA [1-12]
Ah, da sind Sie ja!
Dann können wir
unsere Geschichte beginnen

Erzählen oder verschweigen -
das ist die Frage
in unserem Land

Aber das macht nichts
Es ist und bleibt unser Land -
ein anderes Land als eures

[10]  Und es ist unsere Zeit
Lange vor eurer Zeit
Doch die Geschichte ist auch eure Geschichte

Rana hört auf zu schreiben

Eva hat Zainab das Kleid gegeben, die es ihr hinhält;
Eva dreht sich um und wendet sich dem Publikum zu


Rana blickt nachdenklich

Eva presst die Hände vor den Mund
und Zina kehrt zurück; sie bleibt vor dem Hof stehen


Zina schnuppert in die Luft und tritt zögernd ein

Ende des ersten Akts

Zweiter Akt: Der Leutnant
Zwischen Gasse und Hof ist ein Tor aus Schilf geflochten; die Frauen stecken Palmzweige hinein


Ende des zweiten Akts

Dritter Akt: Ehrenhaftes Leben
Ein starker Wind weht; das Tor ist umgestürzt und der Baum ist auf das Dach des hinteren Zimmers gefallen; das Dach ist eingestürzt; die Frauen sitzen auf dem Boden und befestigen Seile an einer großen Plane


Der Wind lässt nach

Aus der Gasse werfen die Frauen die Seile in den Hinterraum; dort holen sie sie auf; in den Ecken werfen sie die Seile hinüber in den Hof

Im Hof ??spannen die Frauen die Plane über dem Hinterraum; dort, wo der Baum steht, müssen sie die Plane herunterschlängeln

Die Plane liegt über dem Hinterraum; nun muss sie noch festgezurrt werden

Eva zieht kräftig an einem der Seile

Zina bindet ein Seil an die Truhe neben der Tür zum Innenhof

EVA [-] [E] [R] [Z]
Wenn etwas möglich ist
wenn es hätte passieren können
dann ist das interessant

für Nachbarn und Freundinnen
Und die Männer, die etwas
davon mitbekommen

urteilen schnell
denn niemand ist unschuldig
also muss es wahr sein

Wenn sich herausstellt
dass eine Frau allein zu Hause war
könnte sie Besuch gehabt

und zu Intimitäten verführt worden sein
Und wenn es falsche Zeugen gibt
die sie beschuldigen –

mit pikanten Details
über ein zerknittertes Kleid
und wirre Haare

nach der Beschreibung
eines eiligen Schattens
in ihrer Straße –

dann mag das schon genügen
dann kann sie bereits aus Neid
verurteilt werden

Prämisse

Inhaltsangabe

Zusammenfassung

Jahreszahlen

Gedicht V0122
Amsterdam, 2026-10-31
Band: Die Windungen der Macht
 

Zywa Die Windungen der Schlange

Dunkelheit
Ein Grollen in der Ferne
Der Wind frischt auf
Mit dem Tagesanbruch legt sich der Wind
Ein großes Zelt steht da
Vier Schatten von Frauen im Zelt

Miriam (siebzig Jahre alt) und Rebekka (zwanzig Jahre alt) arbeiten an einem einfachen Webstuhl

Emzara (fünfzig Jahre alt) spinnt Wolle mit einer Handspindel

Lilith (dreißig Jahre alt) tanzt


Lilith tritt heraus als Bauchtänzerin und vollführt anmutige Armbewegungen; während sie die Anwesenden im Saal locker anspricht, tanzt sie immer wieder ein wenig [1-52]

Wie erzählt man etwas?
Wie erklärt man seinen Kindern
zum Beispiel, woher
Opa und Oma kommen?

Kain erfand Gott
Gott hatte Opa aus dem Lehm gezogen
und Oma aus einer Rippe Adams erschaffen
Kain wusste damals noch nicht

wie das funktionierte: der kleine Rüssel
des Mannes kam erst später hinzu
als Zufügung zur Frau-Mensch, und jetzt
da wir das wissen, müssen wir

es beim richtigen Namen nennen:
Gott schuf die Frau-Mensch
und, mit einer Anpassung
auch den Mann-Mensch

Schluss mit Mann und Männ-in!
Schluss mit Isch und Isch-Scha
Und dann tun wir gleich auch etwas
gegen die Verwendung der Wörter

Fee und Hure; man
könnte sie erweitern mit
Mann-Fee und Mann-Hure
bi- und non-bi-Fee und -Hure

Trans-Fee und Trans-Hure -
und so weiter, aber ich persönlich
ziehe es vor, es einfach zu halten:
Schluss mit Fee und Hure!

Ich bin nicht da um angeschaut
aber nicht gesehen zu werden
und ich bin gewiss
keine Mannequin, kein Männchen!

Lilith hält einen Moment inne
Es ist inzwischen heller geworden im Zelt

Feen sind einfach Geister
Nennen wir sie also so: Geister
Und Mann-Menschen legen sich
leichter neben eine Frau-Mensch

als umgekehrt, daher gibt es
in der Praxis mehr Mann-Huren
als Frau-Huren
Viel mehr Mann-Menschen vergewaltigen

Beim Wort vergewaltigen blickt Emzara auf
Während Lilith weiterredet, steht Emzara auf
und geht durch das Zelt


eine Frau-Mensch als umgekehrt
Sie sind die Huren! Für Frau-
Menschen ist der Begriff diskriminierend
stigmatisierend, unbrauchbar!

Mann-Menschen sind Huren
wenn sie aus sind auf eine Gelegenheit
ihren erregten kleinen Rüssel
in jemand anderen zu stecken

Emzara seht Lilith eindringlich an
Während Lilith weiterredet, geht Emzara auf sie zu
Sie setzt sich nah neben sie


Huren sind Menschen, ja ja
die viele Sexualpartner haben
Nenne sie Bumser -
männlich, weiblich, was auch

Bumser ist ein Wort, das für alle
verwendbar ist, genau wie das Wort Mensch
In der Gesellschaft
ist jeder: Mensch!

Nur zuhause
bleibt ein Geschlechtsunterschied
Zuhause halten wir die Worte
Vater und Mutter hoch

aufgrund der biologischen Unterschiede
bei der Zeugung von Kindern
und der Funktionsweise
von Müttern und Vätern

Kurze Sprechpause

Wie erzählt man etwas?
Welche Worte sind richtig?
Kain erfand Gott
als unsere Vater-Mutter

Adam und ich sind Menschen
und dann, als ich bereit war
ließ ich ihn zum ersten Mal
in mich eindringen...

und Kain wurde geboren
Unser Leben veränderte sich!
Wir erfreuten uns an unserem Kind
doch die Zeit im Paradies war vorbei

Von da an ging Adam oft allein los
[130]  Ich hatte ihm beigebracht
auf die Standorte der Obstbäume zu achten
und seiner Nase zu vertrauen

um zu erkennen, wo die Früchte reif waren
Und ich hatte ihm beigebracht
früher als die anderen aufzustehen
schon im Mondlicht

aufzubrechen
und ein kleines Stück weiter weg
der Erste zu sein, derjenige
[140]  der die reifen Früchte pflückt

Er war damit nicht ganz zufrieden
er fühlte sich in seinem Stolz verletzt
Und ich erinnere mich
dass er sich nicht traute

eine Frucht zu essen, aber
weil ich davon nicht krank wurde
konnte ich ihn
zu einem Biss verleiten

Trotzdem wurde er sauer
[150]  anstatt mir zu danken
Später drehte er bei, aber er betrachtete
das Früchtepflücken nie als séine Arbeit

Kain erkannte das bald
und erfand daraufhin das Paradies
mit dem Baum und der Schlange
und Gottes Verbot

denn wenn man Gott einmal im Kopf hat
wird man ihn nicht mehr los, man muss
immer eine Fortsetzung erfinden
[160]  wie die Geschichte vom Apfel

Nun ist es Rebekka, die aufblickt und näher rückt

oder der Feige, einer reifen Frucht
mit der Schlange, die uns verführte
und dem Wissen, das wir erlangten
und der Reise, die wir unternahmen

Adam ging voran
Er kannte den Weg, sagte er
Und ich habe geschwiegen
Er folgte einfach dem Fluss

Als Kain seinen Kindern
[170]  erklären wollte, warum
wir immer weiterzogen
erfand er einen Engel

der uns weggeschickt hatte
die Welt zu entdecken
und überall für die Tiere
und die Pflanzen zu sorgen

Und zur Zeit Methusalems
hatten seine Enkelkinder die Geschichte
noch weiter ausgebaut, denn
[180]  wenn Adam und ich die Ersten waren

die etwas Falsches getan hatten
dann musste offenbar auch erzählt
werden, wer als Erster
einen Menschen getötet hatte

Kein Tier, um es zu essen
beim Festmahl, und im Winter
wenn es kaum anderes zu essen gab
Nein, einen Menschen!

Miriam schüttelt den Kopf und sieht Rebekka an

Und das wurde Kain einfach so
[190]  in die Schuhe geschoben!
Ihm wurde für die Mordgeschichte
ein Bruder zugeteilt

Über diesen Bruder wurde nichts
Besonderes erfunden, er ist
lediglich eine Pappfigur
die keine Sprechrolle hat

denn seine Rolle besteht nur darin
ermordet zu werden
[200]  Zur Belehrung und Unterhaltung
Das führte jedoch zu einem Problem

Eine Frage des Ehrgefühls
Denn der Erzähler
wollte nicht von einem
Mörder abstammen!

Also gut, erfand er
einen weiteren Bruder!
Was bedeuten Fakten schon
in einer Geschichte?

Sie nannten unseren dritten Sohn Set
[210]  Ihm wurde Kains Leben zugeteilt
jedoch ohne den Brudermord. Schließlich
war er erst danach 'geboren' worden

Und nun war er es
der Bäume züchtete
Bohnen und Gräser
mit essbaren Samen

Nun war er es
der Kanäle grub
und ein Haus aus Lehm baute
[220]  mit einem stabilen Dach

Nun war er es
der Werkzeuge und
Bettgestelle herstellte
während die Nachkommen Kains

anderswo lebten, obwohl sie
fast die gleichen Namen trugen
Das ist eine Nachlässigkeit in der Geschichte
Warum die Namen nicht geändert?

Glücklicherweise bot die Sintflut
[230]  eine Lösung: Kains Nachkommen
ertranken, und von Sets Nachkommen
wurde Noah von Gott gerettet

Beim Wort Noah blickt Emzara auf
Während Lilith weiterredet, steht sie auf
und stellt sich neben Lilith

So windet sich die Fortsetzung
wie eine Schlange durch die Fakten
als poetische Zusammenfassung
der Evolution, vom Nichts

zum Menschen, vom Herumziehen
zu einem festen Wohnsitz
mit Gebräuchen und Verhaltensregeln
[240]  bis sie erschüttert werden

Lilith legt Emzara einen Arm um die Schulter

EMZARA [241-284] [E48] [L230] [M6]
Ein fester Wohnsitz...
Zum Glück hatten wir keins
Als die Sintflut kam
waren wir auf der richtigen Seite

der Berge
Unsere Verwandten
und Freunde aber nicht
Gott hat uns verschont, sagte Noah

Er ging mal nachsehen
[250]  Da war nichts zu sehen
nur Wasser, sagte er
Traben da Leichen herum? fragten wir

Er zuckte mit den Schultern
Nicht, dass ich welche gesehen hätte
sagte er. Sem wollte das nicht glauben
Er fantasierte darüber

Später, als er Kinder hatte
erzählte er ihnen seine Version
als sie ins Bett gingen
[260]  und machte daraus ein Märchen

Wir hatten keinen festen Wohnsitz
sagte er, außer in dem einen Jahr
als die Sintflut kam
da hatten wir eins

in einem sehr großen Boot
das Großvater gebaut hatte
um uns zu retten, und
es gab Gehege für alle Tiere

Damals führten wir ein ganz anderes Leben
[270]  in diesem großen Boot, nun ja
Gebräuche, Gewohnheiten...
Wir wären vor Langeweile erstarrt

wenn wir nicht so beschäftigt
gewesen wären, die Tiere
zu füttern und die Gehege
sauber zu halten

So erzählte er das
Dass es draußen absolut nichts zu sehen gab
Nur Wasser, überall Wasser
[280]  Auch das Paradies war überflutet

Emzara hält einen Moment inne

Lilith, du weißt das
du warst im Paradies
Wie war es dort?
Wo lag es?

LILITH [285-296] [L242] [E48] [M6]
Das war, als wir jung waren
und ständig aneinander dachten
Als wir noch unbekümmert lebten
Ohne Sorgen um die Zukunft

unseres Kindes
[290]  Es war kein besonderer Ort
nur: ein fruchtbarer Ort
Es war eine Lebensweise

Zusammen sein
Gemeinsam genießen
Harmonie
Frieden

EMZARA [297-469] [E221] [L242] [M6]
Wir Herumziehender
sehen das Paradies vor allem als
ein Leben in Frieden
[300]  in einem Land ohne Feinde

Ein freies Land, weit
mit grünen Wiesen
und Nuss- und Obstbäumen
Ich kenne drei Paradiese

Eines im Norden:
das Zweistromland
Eines im Süden:
das Flussdelta

Und eines in der Mitte:
[310]  hier, wo wir sind
das Flachland
das verflucht wurde

dennoch: ein Paradies, letztendlich
unser Land, leider verflucht
von uns selbst - absurder
kann man es sich nicht ausdenken!

Natürlich war es falsch
Was rede ich da! Tot!
Ich wollte tot sein!
[320]  Mein eigener Sohn, ausgerechnet!

Wie eine Schlange schlüpfte er
ins Innenzelt, zog mich
mit sich zum Bett
und wand sich aus seiner Haut

Aufgeregt riss er
an meinen Kleidern, zwang mich
auszuziehen und sah mich
wütend an

damit ich schwieg
[330]  Außerdem war niemand zu Hause
und ich wagte es nicht
meinem Mann davon zu erzählen

Frauen werden für weniger
verstoßen, und ich konnte es nicht
Ich war nichts mehr, tot
ja, ich wollte tot sein

Woher nahm ich die Kraft
aufzustehen und mich zu waschen
das Abendessen zu kochen
[340]  und so zu tun als wäre

nichts passiert
und alles vorbei
und er würde nicht zurückkommen?
Wäre er doch nur...

Schließlich hörte es auf
Seine Brüder erwischten ihn
und erzählten es ihrem Vater
Der nichts unternahm

Nicht einmal, als sich herausstellte
[350]  dass ich schwanger war
All die Monate der Anspannung
Wachsende Wut in seinem Bauch

Das Baby hatte dasselbe Gesicht
und denselben Körperbau wie Ham
Welche Gewissheit konnte das geben
über die Vaterschaft?

Für Noah aber war es klar
Er tobte, schrie
wilde Laute aus
[360]  um nicht zu fluchen

Doch einen Fluch erlegte er schon!
Wohlüberlegt, am Tisch -
die Männer und ich im Kreis
und das Baby auf meinem Schoß

Er ignorierte Ham
und traf ihn am schlimmsten
indem er auf das Kleine zeigte
und ganz ruhig sagte:

Kanaan und all seine Nachkommen
[370]  werden den anderen dienen
den Völkern Sems und Japhets
Es war eine Strafe Gottes

Was hätte er sonst tun sollen?
Seine Ehre war geschändet worden
und er war alt, nicht mehr so hart
wie während der Sintflut

Wie Sem es erzählte
hätte es so passieren können
Dass er oben an Deck stand
[380]  und die Ohren verschloss

vor seinen Geschwistern
und vor seiner Nichte
die ihr kleines Baby tauchte
in das steigende Wasser

das ihr bis zu den Lippen reichte
Das Vieh und die Vögel
waren bereits abgesoffen
Es war eine Strafe Gottes

Wir saßen im Inneren des Bootes
[390]  und hörten von Zeit zu Zeit Wasser
blubbern, letzte Atemzüge
Von Menschen, die wir kennen

Omas Eltern waren zu alt
um zu uns zu kommen, erzählte
Sem, und er machte daraus eine
Gruselgeschichte, mit die Nichte

und mit meinen Schwestern
Meine süßen Schwestern...
die in Sems Vorstellung
[400]  am Ufer standen und riefen

um mitkommen zu dürfen
Aber, mit Mama und den Tanten solltet
ihr nicht darüber reden, versicherte
Sem ihnen: ihr versteht das doch

sie haben ihre ganze Familie verloren
Das ist ein sensibles Thema
ihr solltet sie damit nicht traurig machen
Sie konnten wirklich nicht mitkommen!

Opa musste hart sein
[410]  Es war unmöglich, alle zu retten
Das Boot war schließlich nicht so groß
Und bei wem sollte er die Grenze ziehen?

Obendrein war es nicht seine Idee
So musste es von Gott sein
Der wollte neu anfangen
eine neue Welt sozusagen

Für die Kinder war es real
auch wenn Sem es sehr erzählte
Als merkwürdige Vorfälle
[420]  die man aus der Ferne

beobachtet, so wie
ich glaube, dass Gott
die Menschen betrachtet
mit Verwunderung

Kurze Sprechpause

Nun, Sems Geschichte ist nicht gänzlich gelungen denn so wie er sie darstellte ist Gottes Plan gescheitert
Es gab keinen Neuanfang, keiner reine Tisch Wir acht blieben, wer wir waren und unsere Kinder waren nicht so fromm wie Noah und ich

Wäre das mit Ham doch nur nicht passiert...

Kurze Sprechpause

Der Fluch wurde natürlich an die Kinder von Sem und Japhet weitergegeben
Und sie hielten sich für gute Menschen

Um mich, die Oma, und meine
Anständigkeit zu schonen, redeten sie
drumherum, was genau geschehen war
In ihrer Geschichte beschränkten sie

die Scham auf das Sehen
der Nacktheit Noahs
und, Gott sei's geklagt
die Schuld dafür schoben sie ihm!

Als ob es rührend wäre
dass er, der großartige
Vater der Menschheit
getrunken hätte!

Übrigens, ein Ackerbauer
mit einem Weingarten
war er nie!
Aber Kinder glauben alles

Und mit dieser Geschichte
machten sich Sem und Japhet
zu besseren Menschen
als ihr frommer Vater

Alles Lügen!
Auch zu meinem Besten
sagten sie, ja, wenn du zu den Männern
gehörst, für die Frauen Verführerinnen sind

In den besten Familien
kommt es nicht zu Vergewaltigung
und wenn doch
muss die Frau schuldig sein

Schuldig, selbst wenn sie deine Mutter ist
Und nun sitze ich hier, außerhalb der Stadt
im Land Kanaans
mein jüngster Sohn

Jerusalem, Stadt des Friedens
MIRIAM schüttelt ihr Haar zurück [M7] [L242] [E221]
[470]  Jerusalem, Jerusalem...

EMZARA [471-473] [E204] [L242] [M7]
...so wurde sie benannt, oh, möge das
nicht Krieg bringen! Denn
einen Fluch kann man nicht aufheben...

LILITH [474-477] [L246] [E224] [M7]
Oder doch. Ein wenig schon
Denn der Gott Noahs erließ damals
ja, schon damals, sein Fünftes Gebot:
Du sollst nicht töten!

MIRIAM [478-481] [M11] [L246] [E224]
Vielleicht wollte Noah
Kanaan schützen
[480]  vor übermäßiger Unterdrückung
durch die anderen

Rebekka [482-521] [R40] [L246] [E224] [M11]
Jerusalem, Jerusalem...
ist keine Stadt des Friedens
sondern ein grausamer Fels
Es ist die Hölle!

Dort unten, in der Schlucht des Hinnomtals
befindet sich das Tor zur Hölle!
Inmitten all dieser alten Gräber -
nahe der Unterwelt

[490]  Hierher kamen die Könige
Ahas und Manasse
um ein Opfer darzubringen
bevor sie zu einem neuen Krieg aufbrachen

Sie opferten dem himmlischen König
damit Er ihnen als irdische Könige
den Sieg gewähre
In vollem Ornat kamen sie, zum Überwachen

des Baus des langen Grabens
und dessen Füllung mit trockenen Ästen
[500]  die kurz vor der Zeremonie entlang der
gesamten Strecke angezündet wurden

Eltern hatten eines ihrer Kinder
einen Sohn oder eine Tochter, bestimmt
die Prüfung zu ertragen und von Anfang
bis Ende durch den Graben zu rennen

Die Könige mussten
mit gutem Beispiel vorangehen, mussten
einen ihrer Söhne bestimmen
obwohl sie das Ergebnis kannten

[510]  Die Teilnehmer verbrannten lebendig
und ihr Blut floss weg
in der Schlucht, in die Unterwelt
Verbrennende Tote, das ist die Hölle

Die Propheten erhoben Anklagen
doch es dauerte Jahrhunderte
bis das Tal zu einer Müllhalde wurde
um Opferrituale entgegen zu wirken

Und selbst dann wurden noch die Leichen
von Verbrechern auf dem Müll entsorgt
[520]  und in Brand gesetzt
Verbrennende Tote, das ist die Hölle


LILITH [522-537] [L262] [E224] [R40] [M11]
Das Fünfte Gebot funktioniert nicht
Und Gott scheint das hinzunehmen
Die Menschen müssen es
eben selbst herausfinden

Es ist etwas mit den Männern los
dass sie so leicht den Verstand
ihren gesunden Menschenverstand
verlieren und anfangen zu streiten

[530]  Und dann hören sie nicht
auf Nuancen und Erklärungen
Dann leugnen sie die Tatsachen
die ihnen nicht passen

Sie winden sich kleinlich
und stolz um sie herum; sie sind nicht so
weise wie ihre Mutter, ihre Schwestern
ihre Frau und ihre Töchter

EMZARA [538-541] [E228] [L262] [R40] [M11]
Warum glauben so viele Männer
sie müssten hart sein?
[540]  Und wir müssen ehrenhaft sein
Und fruchtbar

Miriam schließt sich ihnen an

REBEKKA [542-545] [R44] [L262] [E228] [M11]
Hauptsache, wir haben Söhne!
Das ist es, was zählt!
Und natürlich wollen sie
auch befriedigt werden...

LILITH [546] [L263] [E228] [R44] [M11]
Und dann können sie ganz zärtlich sein

MIRIAM zu Emzara [547-554] [M19] [L263] [E228] [R44]
Du warst fruchtbar
Ihr hattet drei Söhne
Noah konnte zufrieden sein
[550]  Du sagst, er sei ein harter Mann gewesen

Aber im Bett, wie war er dann?
Entspannt, sanfter, aufmerksam?
Zärtlich?
Hattet ihr Spaß?

EMZARA [555-558] [E232] [L263] [R44] [M19]
Ich erinnere mich nicht mehr so genau
Es ist vorbei, etwas Vergangenes
Es drehte sich alles um ihn
Ich habe mich angepasst

LILITH [559] [L264] [E232] [R44] [M19]
Und du, Miriam, wie war es für dich?

MIRIAM lächelt [560-571] [M31] [L264] [E232] [R44]
[560]  Ich brauchte keinen Mann, meine Brüder
kümmerten sich um die Männer
ich regelte die Frauenangelegenheiten
Ich mochte es nicht immer

aber wir hatten auch viel Spaß
Du weißt ja, im Frauenzelt
Und während der Nachmittagsruhe kann man
es sich so schön machen, wie man möchte

Das haben wir auch gemacht
ein paar von uns, meine besten Freundinnen
[570]  Nein, ich brauchte wirklich
keinen Mann im Bett!

REBEKKA [572-579] [R52] [L264] [E232] [M31]
Ich dachte, Abram sei alt, und nicht
besonders zärtlich, deshalb dachte ich
natürlich an einen der jungen Männer
aus unserer Gruppe

Es gab gutaussehende Jungs
Im wirklichen Leben habe ich sie natürlich
gemieden; ich weiß von ihren Fantasien
über Frauen; sie starren einen an

EMZARA [580-591] [E244] [L264] [R52] [M31]
[580]  Genau! Wenn ich draußen vor dem Zelt
beschäftigt war, und die Männer waren
zu Hause, dann legten sie es darauf an
mich zu sehen; je attraktiver eine Frau ist

desto länger starren sie
Und du kannst dich nicht danach kleiden
Im Wind falten sich die Kleider
immer dem Körper entsprechend

Sie schauen, und es kümmert sie nicht
dass wir es sehen!
[590]  Sie schauen, als wären sie der Wind
und würden unsere Haut berühren

REBEKKA [592-595] [R56] [L264] [E244] [M31]
Al jong leerde ik om dwars te zijn
Chagrijnig. Alleen bij jonge mannen!
Moeilijk doen en brutaal zijn
Dat voorkomt handtastelijkheden

EMZARA [596-599] [E248] [L264] [R56] [M31]
Thuis kun je dat niet!
Het ging Cham ook niet om mij
Hij had een droomvrouw in gedachten
Ja, dan kun je het met iedereen doen

LILITH [580-583] [L268] [E228] [R56] [M31]
[600]  Het gaf Adam een goed gevoel
als ik ervan genoot, en dat lukte
me beter door er wat romantiek
bij te fantaseren

EMZARA [538-541] [E228] [L262] [R40] [M11]
297 LILITH []
305 EMZARA []
309 REBEKKA
329 LILITH []
393 REBEKKA
397 LILITH []
401 REBEKKA
417 LILITH []
421 REBEKKA
437 LILITH []
465 REBEKKA
469 LILITH []
477 REBEKKA
478 EMZARA []
482 MIRIAM []

490 LILITH []
498 MIRIAM []

499 LILITH []
519 EMZARA []
523
MIRIAM []

539 EMZARA []
555
LILITH []
559 MIRIAM []

563 LILITH []
591 MIRIAM []

595 XX LILITH []
647 EMZARA []
651 MIRIAM []
663 EMZARA []
675 REBEKKA []
679 LILITH []
687 REBEKKA []
691 MIRIAM []
695 Het was een onzeker leven

Prämisse

Geschichten verzerren die Ereignisse.

Inhaltsangabe

Zusammenfassung

Jahreszahlen

Ein Gespräch über Adam, Noah, Abraham und Moses. Durch Erzählungen über unsere Vorfahren geben wir von Generation zu Generation weiter, dass wir besonders sind im Vergleich zu anderen. Vier Frauen, die dabei waren, erzählen aus ihrem wirklichen Leben.

Gedicht V0102
Amsterdam, 2026-08-31
Band: Die Windungen der Schlange
 

Zywa Rettet die Quellen

Geschichten sind fließend:
ineinander verwobene
Ströme im urzeitlichen
Ozean der Geschichten

in allen Farben, und
von siedend heiß bis eisig kalt
Sie vermischen sich, erneuern sich
und gebären neue Geschichten

Doch die Wassergeister werden
überarbeitet! Überall im Matsch
findet man verstümmelte, verworrene
und verrottende Geschichten

es gibt ein Wildwuchs
verschmutzter Geschichten
und am Horizont verkümmern
die ältesten Geschichten

während in der Dunkelheit
die verfolgten, verbannten
und totgeschwiegenen Geschichten
verschrumpeln in Einsamkeit

Gedicht 6064
Amsterdam, 2026-06-22
Harun und das Meer der Geschichten (Salman Rushdie) - 1990
Märchen "Haroun and The Sea of Stories", 4. - 9. Kapitel
Band: Schlick
Ehrerweisung an: Rushdie, Salman 
 

Nichts Neues, zum Wohl!

Lustig wiederholen wir --


Lieblingsgeschichten.


Er is weinig nieuws,There is little news,
we proosten en herhalen --we have a toast and repeat --

onze verhalen.our favourite tales.

Gedicht H4897
Amsterdam, 2024-09-05
Band: Lokaler Verkehr
 

Menschen verseuchen

ihre Babys sofort mit --


ihren Geschichten.


Mensen besmettenHuman babies are
hun baby's meteen met de --infected from birth, with the --

verhaalparasiet.story parasite.

Gedicht H4562
Amsterdam, 2024-03-18
Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte (Salman Rushdie) - 2015
Roman "Two Years Eight Months & Twenty-Eight Nights", das heißt 1001 Nächte, Kapitel 4 "The Strangenessses" ("Die Fremdheiten")
Band: Wind
Ehrerweisung an: Rushdie, Salman 
 

Erzähl Geschichten:

Worte werden zu Welten --


die wir entdecken.


Vertel verhalen:Let us tell stories,
woorden worden werelden --because then words become worlds --

om te ontdekken.to be discovered.

Gedicht H3602
Amsterdam, 2022-12-05
Worte werden zu Welten (Ellen van Wolde) - 1994
Studie "Words become Worlds", Seite ix
Band: Kein Wunder
Ehrerweisung an: Van Wolde, Ellen 
 

Zywa Groß träumen

Alles ist eine Fortsetzung
der vergangenen Zeiten
die wir träumen können
als Halt in unserem Leben

Felsblöcke und Eisrandlagen
ewiger Schnee, mächtige Flüsse
Zugvögel und Waldriesen
die Erde aus Sternen geboren

     Es ist so viel größer
     als die winzigen Traumwelten
     die unsere Aufmerksamkeit zerstreuen
     als erhoffter Halt in unserem Leben

     Aber die Geschichten von Künsten
     Wissenschaft und Politik
     die uns in Unterschiede teilen
     sind zu klein, um uns zu vereinen

Gedicht 4830
Amsterdam, 2022-11-21
Traumzeit
Band: Geheimnisse Geglaubt
 

Zywa Zurück und nach vorne

Geschichten sind zu schön
um wahr zu sein, Konstruktionen
die mich verführen

sodass ich mein Leben als interessante
Verwicklung darstelle
wenn man auf die Details achtet

Liebesgeschichten sind zu schön
um wahr zu sein, Konstruktionen
die mich verführen

sodass ich meine Beziehung als besondere
Liebe darstelle
mit der ich mich tröste

Mit großen und kleinen Geschichten
blicke ich über den Alltag
zurück und nach vorne

ich mische die Bilder
um mein Leben zu verstehen
und zu lernen, es zu akzeptieren

Gedicht 4391
Amsterdam, 2022-03-18
Band: Museum Das Gelbe Haus
 

Zywa Aber was wissen sie davon?

Vierhundert Schekel Silber
haben sie notiert
Unser Grab war kostbar
schon bevor wir darin lagen

Weil wir wichtig sind
in den Geschichten unserer Völker
Aber was wissen sie davon?

Sie verschweigen meine Töchter
nennen meine Söhne beim Namen
der Länder um uns herum

alles unter dem Himmel
geben sie einen Platz
als wären sie Gott

aber auch ihre Knochen werden spröde
Staub wie wir in dieser Höhle
meine Frauen und Kinder

außer dem ersten, mein Liebster
Seine Asche verwehte
drüben auf diesem Berg

Gedicht 2937
Amsterdam, 2020-04-18
Abraham über seine Frauen und seine Nachkommen
Band: Ein Zuhause
 

Meine Geschichte,

aber die Wirklichkeit ist --


vage und drohend.


Mijn verhaal is mooi,My story is nice,
maar de werkelijkheid is --but the reality is --

vaag en bedreigend.vague and threatening.

Gedicht S0799
Amsterdam, 2018-09-27
Ein glückliches Lächeln (Andreas Burnier) - 1965
Roman "Een tevreden lach", Kapitel 'De muzikant' (Der Musiker)
Band: Ansichten
Ehrerweisung an: Burnier, Andreas 
 

Über die Gräber,

über die Zeit: der Efeu --


aller Geschichten.


Over de graven,Overgrowing graves,
over de tijd heen: klimop --overbridging time: ivy --

van de verhalen.of all the stories.

Gedicht H1001
Amsterdam, 2014-06-28
Gedicht "Epigram" ("Epigramm", 1999, Frank Koenegracht, Band "Alles valt")
Band: Ein Zuhause
Ehrerweisung an: Koenegracht, Frank 
 

Menschen sagen nach

was ihnen erzählt wurde --


Kindergeschichten.


Mensen herhalenPeople just repeat
de verhalen uit hun jeugd --the stories from their childhood --

kinderverhalen.the children's stories.

Gedicht H0394
Amsterdam, 2012-11-30
Band: Der König
 

Zywa
Stichwort
Geschichten: Tradition / Ordnung
NiederländischEnglisch5-7-5
PinselBimsSchuttRegenLiebes
VerdichtetZugvögelWennlosFoto
EhrerweisungenWidmungenKomponistenHome
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Designs, Zeichnungen, Gemälden und Fotos
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