Merlin verzauberte die Menschen
mit dem Atem einer Drachin
sodass sie ihren Kampf vergaßen
und zusammenlebten, ohne sich
der erlittenen Verluste und des Leids
bewusst zu sein, ja ohne Hass
gegen jene die hier von Geburt an
lebten oder sich erst vor kurzem
hier niedergelassen hatten
Endlich war es möglich, endlich
herrschte Frieden, dank des
Vergessens
Endlich schien der Riese begraben
dieser Unmensch voller Neid
Gier und Hass
Wer möchte die Vergangenheit
aufwühlen, jetzt, wo es ruhig war
und die Wunden fast verheilt waren?
Wer möchte schon Erinnerungen
wachrufen, die bald Vergeltung
hervorrufen würden?
Gedicht 6103 Amsterdam, 2026-08-01 Der begrabene Riese (Kazuo Ishiguro) - 2015 Roman "The Buried Giant", 15. Kapitel Die Migration der Jüten, Angeln und Sachsen nach Britannien im 5. Jahrhundert CE Band: Flugsand Ehrerweisung an: Ishiguro, Kazuo
Die Einwanderer
wollen sich hier verwöhnen:
Fa Fle Fi Fo Fü.
De immigranten
The immigrants come
komen zich hier verwennen:
to us to indulge themselves:
va vle vi vo vu.
fa fee fi fo fum.
Gedicht S3004 Amsterdam, 2025-11-11 [Fa] Fle Fi Fo Fü = [Fasse] Fleisch, Fisch, follauf, füllen (nach dem englischen fee-fi-fo-fum) Band: Lokale Unbequemlichkeiten
Zywa
Großer Begreifer
Ich bekomme zu essen, wenn
ich mich groß genug mache
sonst zähle ich nur
in der Statistik des Problems
Im Büro, das nie geöffnet ist
brennt Licht, es hallt hinter der Tür
die unter meinen Fäusten
nicht nachgibt
Es kann kein Büro sein
Zu leer für Mitgefühl
ein toter Körper
mit einem Glotzauge
und ich bin der Niemand
der nicht entkommen kann
Journalisten gehen daran vorbei
sie fragen nicht nach dem Plan
Was steckt dahinter, was kann
was sollte dahinter stecken?
Niemand nimmt es auf
mit einem Großen Begreifer
Bin ich das?
Gedicht 5014 Amsterdam, 2023-01-19 Der Migrant (Herr Niemand) und der Zyklop (Epos "Odyssee", Schluss des 9. Buches) Band: ÜberLeben [2]
und wenn sie mich dort nicht wollen
dann sollen mir die Menschen hier helfen
auch wenn sie nichts damit zu tun haben
außer das, dass wir Menschen sind
Sie müssen
mal leiden
bis sie wollen:
der Besitzer sein
der Probleme und der Lösungen
der Besitzer ihrer Ideale
Gedicht 4938 Amsterdam, 2023-01-07 Band: Flugsand
Zywa
Wer unter uns?
Nicht einmal Zelte, einige Tücher, nasse
Pappe und Plastikteile zwischen Schlamm-
büschen verknotet, Kinder schlaff
mit ihren Müttern, überall
herumstampfende junge Männer
die in allen Ecken und Winkeln
ihres Kopfes suchen, wie
sie das Zaun einreißen können
ihr hoffnungsloses Elend
in diesem Niemandsland verlassen können
um wieder Liebe zu legen
in die um Hilfe flehenden Augen
Wer kümmert sich um sie, wer
unter uns durchbricht die Unentschlossenheit, wer
bringt Wasser, ein Bett, einen Laib Brot, wer
tut etwas, wer geht zu ihnen, wer
wagt es, ihnen von Mensch zu Mensch
in die Augen zu sehen?
In seinem Herzen lebte eine wilde
Ziege, die vom Paradies träumte
also beschloss er, dorthin zu gehen
und es war größer als gedacht
Er schaute wochenlang aus
nach dem schönsten Wohnort
bis er sich eines Tages
der Grenze näherte, eine Mauer
von Bergen, und ihr Gewicht füllte
seine Beine, er konnte er nicht weiter
gehen und blieb, wo er war
ohne Antwort
als sein Sohn fragte, ob dies
es war, das Beste, und sie
die glücklichste aller Menschen
hier im Paradies
Gedicht 3514 Amsterdam, 2021-02-25 Terach und Abram, 1970 BCE Terach = wilde Ziege, Wanderer Band: Ein Zuhause
Zywa
Land meiner Träume
Ich spüre Opas Seele in mir
Sie verkrampft vor Verlangen
nach Land, nicht nach Feldern
sondern nach eigenen Grasland
Nicht länger vertrieben zu werden
von Bauernsöhnen
mit ihren Hunden, Mäusen
und Wanzen in den Betten
für ihre Kranken und ihre schmerzenden
Rücken vom Pflügen und Pflanzen
Jäten, Ernten und Mahlen des Getreides
Ich bin weitergezogen, weiter
als mein Vater, mit meiner Herde
auf dem Weg zu unbewohnten Feldern
aber ich habe sie nicht gefunden, nirgendwo
war das Land meiner Träume
Nur die Wüste ist frei
Gedicht 3515 Amsterdam, 2021-02-25 Abraham, 1900 BCE Band: Ein Zuhause
Zywa
Nordparadies
Es gibt keine Gästezimmer
weil das Land zu voll ist
für ein Paradiesleben
Die Dörfer bewaffnen sich
gegen Neuankömmlinge
sie werden nicht gebraucht
Sie müssen weiter gehen, zum harten Boden
der Berge, am Rande
des Nordparadieses
oder in einer Kurve zurück
nach Süden, nirgends
willkommen, nirgends gibt es genug
Milch und Honig, genug Platz
selbst wenn Felder frei fallen
durch Dürre, Pocken oder Pest
Die Nachbarn kämpfen dafür
weil das Land zu voll ist
für ein Paradiesleben
Gedicht 3513 Amsterdam, 2021-02-25 Terach, Abram, Sarai und Lot, 1970 BCE Terach = wilde Ziege, Wanderer Band: Ein Zuhause
Seitdem es Menschen
gibt, gehen sie überall:
wir sind Migranten.
Sinds er mensen zijn,
Since there is mankind
lopen ze overal heen:
men go in all directions:
we zijn migranten.
people are migrants.
Gedicht H2522 Amsterdam, 2019-07-10 Grand Hotel Europa (Ilja Leonard Pfeijffer) - 2018 Roman Band: Palast der Nacht Ehrerweisung an: Pfeijffer, Ilja Leonard